In einer Zeit der permanenten Beschleunigung und digitalen Überforderung entdecken Menschen neu die Kraft der Stille. Bayerns Klöster, jahrhundertealte Zentren des Glaubens und der Spiritualität, erleben derzeit eine bemerkenswerte Renaissance. Von der majestätischen Abtei Weltenburg an der Donau bis zum berühmten Kloster Ettal in den Alpen - diese heiligen Orte ziehen wieder Menschen aller Altersgruppen und Konfessionen an, die Ruhe, Besinnung und spirituelle Erneuerung suchen.
Weltenburg: Spiritualität an der Donau
Das Kloster Weltenburg bei Kelheim, gegründet um 600 n.Chr., ist eines der ältesten Klöster Bayerns. Die barocke Klosterkirche, ein Meisterwerk der Brüder Asam, liegt malerisch an der Donau im Naturschutzgebiet Weltenburger Enge. „Wer hier ankommt, spürt sofort: Das ist ein besonderer Ort", erklärt Abt Thomas M. Freihart OSB.
Die Benediktiner von Weltenburg bieten verschiedene Formen der spirituellen Begleitung an. Besonders beliebt sind die „Tage der Stille", an denen Gäste das klösterliche Leben miterleben können. „Wir haben Banker aus München genauso wie arbeitslose Jugendliche aus Regensburg", berichtet Pater Benedikt Leitmayr, der Gästebeauftragte des Klosters. „Alle suchen sie dasselbe: einen Ort, an dem sie zu sich selbst finden können."
Die weltberühmte Klosterbrauerei, die älteste Klosterbrauerei der Welt, finanziert dabei die spirituelle Arbeit. „Das Bier hilft uns, die Seelsorge zu finanzieren", lacht Abt Freihart. „Benedikt von Nursia hätte das sicher gutgeheißen."
Ettal: Spiritualität in den Alpen
Am Fuß der Ammergauer Alpen liegt das Kloster Ettal, 1330 von Kaiser Ludwig dem Bayern gegründet. Die imposante barocke Basilika mit ihrer markanten Kuppel ist weithin sichtbar und zieht jährlich über 200.000 Besucher an. Abt Johannes Eckert OSB berichtet von einem Wandel: „Früher kamen die Menschen hauptsächlich als Touristen. Heute suchen viele bewusst die spirituelle Begegnung."
Das Kloster bietet ein vielfältiges Programm: Von gregorianischen Chorälen über Meditation bis zu Wanderexerzitien in den Bergen. „Die Alpen sind Gottes Kathedrale", schwärmt Pater Lukas Wirth, der die Bergexerzitien leitet. „Wer hier oben steht und auf die Gipfel blickt, spürt die Größe des Schöpfers."
Besonders beeindruckend ist das Internat des Klosters, in dem 350 Schüler leben und lernen. „Wir erziehen nicht nur Köpfe, sondern auch Herzen", betont Schulleiter Dr. Markus Grasmüller. Viele Absolventen berichten später, dass die Klosterjahre ihr Leben geprägt haben.
Andechs: Der heilige Berg Bayerns
Auf dem heiligen Berg Andechs, südwestlich von München, verbindet sich seit über 1000 Jahren Spiritualität mit bayerischer Tradition. Die Wallfahrtskirche mit ihren kostbaren Reliquien zieht jährlich über eine halbe Million Pilger an. „Andechs ist der heilige Berg Bayerns", erklärt Prior Pater Valentin Ziegler OSB. „Hier wird deutlich, dass bayerische Kultur und christlicher Glaube untrennbar verbunden sind."
Die Benediktiner von Andechs haben das Konzept der „modernen Pilgerschaft" entwickelt. Neben klassischen Wallfahrten gibt es Radpilgerwege, Familienpilgertage und sogar digitale Pilgerwege für Menschen, die nicht reisen können. „Pilgern ist eine Bewegung des Herzens", erklärt Pater Anselm Zeller, der für die Pilgerpastoral zuständig ist.
Das berühmte Andechser Bier, gebraut nach 500 Jahre alten Rezepten, trägt zur Finanzierung der spirituellen Arbeit bei. „Bier und Gebet gehören in Bayern zusammen", lacht Braumeister Pater Johannes Kaufmann. „Beides entspringt der gleichen Quelle: der Dankbarkeit für Gottes Gaben."
Niederaltaich: Ökumene und Ostkirchen
Eine Besonderheit ist das Kloster Niederaltaich an der Donau. Hier leben römisch-katholische Benediktiner und griechisch-katholische Mönche unter einem Dach. „Wir sind ein lebendiges Zeichen der Ökumene", erklärt Abt Marianus Bieber OSB. Die Klosterkirche feiert sowohl lateinische als auch byzantinische Liturgie.
Besonders beeindruckend sind die Ikonen-Kurse, die das Kloster anbietet. „Das Malen von Ikonen ist Gebet mit dem Pinsel", erklärt Pater Simeon Laschuk, ein ukrainischer Mönch. „Hier lernen Menschen aus ganz Deutschland diese uralte Kunst." Die Kurse sind monatelang ausgebucht.
Frauenklöster: Spiritualität in weiblicher Prägung
Auch die Frauenklöster Bayerns erleben einen Aufschwung. Das Kloster der Armen Schulschwestern in München-Au bietet Kurse in christlicher Meditation und Kontemplation an. „Frauen bringen oft eine andere Spiritualität mit", erklärt Schwester Dr. Katharina Kluitmann. „Weniger kopflastig, mehr aus dem Herzen heraus."
Im Kloster Waldsassen im Oberpfälzer Wald leben Zisterzienserinnen, die sich der liturgischen Erneuerung verschrieben haben. Äbtissin Bernarda Kath erzählt: „Unser Stundengebet zieht Menschen aus ganz Europa an. Die lateinische Liturgie hat eine zeitlose Kraft."
Besonders bemerkenswert ist das Kloster der Benediktinerinnen in Dießen am Ammersee. Hier verbinden die Schwestern traditionelle Spiritualität mit moderner Theologie. „Wir sind keine Museumswärterinnen", betont Priorin Schwester Petra Articus. „Wir leben eine Spiritualität für das 21. Jahrhundert."
Neue Gemeinschaften
Neben den traditionellen Klöstern entstehen in Bayern auch neue geistliche Gemeinschaften. Die Gemeinschaft Emmanuel in München-Schwabing verbindet charismatische Spiritualität mit sozialer Arbeit. „Wir leben mitten in der Stadt und für die Stadt", erklärt Bruder Paulus Weber.
In Augsburg gründete sich vor zehn Jahren die „Kleine Gemeinschaft der Geschwister Jesu", die nach dem Vorbild von Charles de Foucauld lebt. „Wir wollen Jesus in den Ärmsten der Armen begegnen", erklärt Schwester Maria Johanna.
Kloster und Digitalisierung
Überraschend ist, wie geschickt viele Klöster die Digitalisierung nutzen. Das Kloster Scheyern bietet Online-Exerzitien an, das Kloster Banz überträgt die Gottesdienste per Livestream. „Corona hat uns gelehrt, dass Spiritualität auch digital vermittelt werden kann", erklärt Abt Dr. Gregor Maria Hanke von Langfurth aus Scheyern.
Besonders erfolgreich ist der YouTube-Kanal des Klosters Plankstetten mit über 50.000 Abonnenten. „Wir erreichen Menschen, die nie in ein Kloster kommen würden", freut sich Pater Christoph Gerhard.
Herausforderungen und Chancen
Nicht alle Klöster in Bayern blicken optimistisch in die Zukunft. Der Nachwuchsmangel ist dramatisch. „Wir müssen ehrlich sein: Viele Klöster werden in 20 Jahren nicht mehr existieren", warnt der Präsident der Bayerischen Benediktinerkongregation, Abt Johannes Eckert.
Doch es gibt auch Hoffnungszeichen. Das Kloster Münsterschwarzach verzeichnete in den letzten Jahren wieder mehr Eintritte. „Die Menschen suchen Authentizität", erklärt Abt Michael Reepen OSB. „Das können wir bieten."
Klöster als Wirtschaftsfaktor
Die Klöster sind auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Allein die Klosterbrauereien beschäftigen hunderte Menschen und ziehen Millionen Touristen an. „Spiritueller Tourismus ist ein wachsender Markt", erklärt der bayerische Tourismusexperte Dr. Wolfgang Pohl.
Zukunft der Klöster
Die Zukunft der bayerischen Klöster liegt wahrscheinlich in neuen Formen des Klosterlebens. „Wir müssen offen sein für Menschen, die nicht ihr ganzes Leben im Kloster verbringen wollen", meint der Benediktiner und Theologieprofessor Dr. Johannes Wallner.
Modelle wie „Kloster auf Zeit" oder „Lebensgefährten" könnten neue Wege aufzeigen. „Die Sehnsucht nach Spiritualität ist groß", ist sich Abt Freihart von Weltenburg sicher. „Wir müssen nur neue Formen finden, diese Sehnsucht zu stillen."
Bayerns Klöster bleiben das, was sie seit Jahrhunderten sind: Orte, an denen Himmel und Erde sich berühren. In einer lauten Welt bieten sie das kostbarste Gut: die Stille, in der Gott spricht.
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