Fast 500 Jahre nach der Reformation erlebt die ökumenische Bewegung in Deutschland einen bemerkenswerten Aufschwung. Was lange als unmöglich galt, wird zunehmend Realität: Katholiken und Protestanten überwinden konfessionelle Grenzen und entdecken ihre Gemeinsamkeiten im christlichen Glauben neu. Von Augsburg bis Wittenberg, von Leipzig bis Speyer - überall im Land entstehen neue Formen der ökumenischen Zusammenarbeit.
Wittenberg als Symbol der Versöhnung
Ausgerechnet in Wittenberg, der Geburtsstadt der Reformation, steht heute ein bemerkenswertes Symbol der Versöhnung: Das „Christuszentrum" wird gemeinsam von der katholischen St. Augustin-Gemeinde und der evangelischen Stadtkirchengemeinde genutzt. „Hier, wo Luther seine Thesen anschlug, beten heute Katholiken und Protestanten Seite an Seite", erklärt der katholische Pfarrer Dr. Michael Kühne voller Stolz.
Pastor Thomas Weber von der evangelischen Gemeinde ergänzt: „Wir haben erkannt, dass uns mehr verbindet als trennt. Die Trennmauern der Vergangenheit sind längst brüchig geworden." Jeden ersten Sonntag im Monat feiern beide Gemeinden einen ökumenischen Gottesdienst, der regelmäßig über 800 Besucher anzieht.
Augsburg: Stadt des Religionsfriedens neu entdeckt
In Augsburg, wo 1555 der berühmte Religionsfrieden geschlossen wurde, erleben Katholiken und Protestanten eine neue Blüte der Zusammenarbeit. Das „Ökumenische Zentrum St. Anna" in der historischen Altstadt ist zu einem Modellprojekt geworden. Hier arbeiten der katholische Stadtpfarrer Monsignore Stefan Gast und die evangelische Dekanin Dr. Susanne Kasch eng zusammen.
„Augsburg war schon immer eine Stadt der konfessionellen Vielfalt", betont Dekanin Kasch. „Heute leben wir das bewusster denn je." Das gemeinsame Projekt „Augsburger Friedensgebete" bringt monatlich über 1.000 Christen beider Konfessionen zusammen. Besonders beeindruckend war das Friedensgebet nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, als sich über 3.000 Menschen in der Basilika St. Ulrich und Afra versammelten.
Leipzig: Ökumene in der Friedlichen Revolution
Leipzig hat eine besondere ökumenische Tradition. Die berühmten Montagsgebete in der Nikolaikirche 1989 waren von Anfang an ökumenisch geprägt. Heute setzt die Stadt diese Tradition fort: Der katholische Propst Gregor Giele und der evangelische Superintendant Dr. Martin Henker organisieren regelmäßig gemeinsame Veranstaltungen.
„Die Friedliche Revolution war ein ökumenisches Projekt", erinnert sich Propst Giele. „Diese Erfahrung prägt Leipzig bis heute." Das gemeinsame Projekt „Kirche in der Stadt" bringt beide Konfessionen in sozialen Projekten zusammen - von der Obdachlosenhilfe bis zur Flüchtlingsbetreuung.
Praktische Ökumene im Alltag
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung in kleineren Städten. In Speyer, der Stadt mit dem berühmten Dom, teilen sich die katholische Dompfarrei und die evangelische Gedächtniskirche regelmäßig Veranstaltungen. „Wir haben gemerkt, dass unsere Gemeindemitglieder oft dieselben Sorgen und Freuden haben", erklärt Domkapitular Dr. Christoph Kohl.
In Fulda, der Stadt des berühmten Barockdoms, experimentieren Katholiken und Protestanten mit gemeinsamen Konfirmanden- und Firmkursen. „Die jungen Menschen verstehen oft gar nicht, warum wir uns jahrhundertelang bekriegt haben", lacht die evangelische Dekanin Christina Schneider.
Theologische Annäherung
Auch auf theologischer Ebene nähern sich die Konfessionen an. Die Universität Tübingen mit ihren beiden theologischen Fakultäten ist zu einem Zentrum des ökumenischen Dialogs geworden. Professor Dr. Dorothea Wendebourg von der evangelischen Fakultät und Professor Dr. Peter Hünermann von der katholischen Fakultät arbeiten gemeinsam an einem Projekt zur Kirchengeschichte.
„Wir haben verstanden, dass wir verschiedene Zugänge zum gleichen Mysterium haben", erklärt Professor Hünermann. Die gemeinsame Forschung zu Luther und der katholischen Reform zeigt: Die Reformation war komplexer, als beide Seiten lange angenommen hatten.
Herausforderungen und Hindernisse
Nicht alle sind von der ökumenischen Annäherung begeistert. In München beispielsweise gibt es sowohl in katholischen als auch in evangelischen Kreisen Vorbehalte. „Manche befürchten einen Verlust der eigenen Identität", berichtet der Münchener Stadtdekan Dr. Bernhard Liess.
Auch aus Rom kommen gelegentlich kritische Signale. Der Vatikan mahnt zur Vorsicht bei zu schnellen ökumenischen Schritten. „Wir respektieren die römischen Bedenken, aber wir leben hier vor Ort", betont der Kölner Weihbischof Dr. Ansgar Puff.
Gemeinsame soziale Projekte
Besonders erfolgreich ist die ökumenische Zusammenarbeit bei sozialen Projekten. Die „Aktion Hoffnung" in Würzburg wird gemeinsam von Caritas und Diakonie getragen. „Bei der Hilfe für Menschen in Not fragen wir nicht nach der Konfession", erklärt Projektleiter Dr. Wolfgang Kern.
In Hamburg betreiben die katholische und die evangelische Kirche gemeinsam mehrere Obdachlosenunterkünfte. „Gelebte Nächstenliebe kennt keine Konfessionsgrenzen", betont Diakonin Sarah Möller von der evangelischen Kirche Hamburg.
Die Rolle der Freikirchen
Zunehmend werden auch Freikirchen in die ökumenische Bewegung einbezogen. In Stuttgart organisiert die Evangelische Allianz regelmäßige Treffen zwischen katholischen Priestern, evangelischen Pfarrern und freikirchlichen Pastoren. „Die Vielfalt der christlichen Landschaft ist eine Bereicherung", meint der katholische Stadtdekan Dr. Christian Hermes.
Neue Impulse durch Papst León XIV.
Mit der Wahl von Papst León XIV. hoffen viele deutsche Christen auf neue Impulse für die Ökumene. „Ein Papst, der aus Südamerika kommt und die Realitäten vor Ort kennt, wird sicher Verständnis für unsere Bemühungen haben", hofft der Erfurter Bischof Dr. Ulrich Neymeyr.
Die deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) planen für 2027 eine gemeinsame Pilgerreise nach Rom, um dem neuen Papst die ökumenischen Fortschritte in Deutschland zu präsentieren.
Ökumene der Zukunft
Die junge Generation lebt Ökumene bereits selbstverständlich. Bei den Weltjugendtagen sind deutsche Teilnehmer konfessionell oft bunt gemischt. „Für uns ist es normal, dass Christen verschiedener Konfessionen Freunde sind", erklärt die 22-jährige Theologiestudentin Anna Weber aus Mainz.
Das geplante „Christusjahr 2033" zum 2000. Todestag Jesu soll bewusst ökumenisch begangen werden. „2033 wollen wir gemeinsam feiern, was uns eint: Jesus Christus", kündigt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Georg Bätzing, an.
Hoffnung auf Einheit
Die ökumenische Bewegung in Deutschland ist zu einer stillen Revolution geworden. „Wir leben bereits in einer praktischen Einheit", resümiert der evangelische Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm. „Die institutionelle Einheit wird folgen - vielleicht früher, als wir alle denken."
Die jahrhundertelangen Gräben zwischen den Konfessionen werden nicht über Nacht verschwinden. Aber die ökumenische Bewegung in Deutschland zeigt: Der Wille zur Einheit ist stärker als die Macht der Trennung. Im Land der Reformation wächst eine neue Reformation zusammen - eine Reformation der Liebe und der Versöhnung.
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