Wenn der Glaube schwankt

Fuente: Jesus.de

Nach außen alles im Griff, innen drin voller Zweifel – Psalm 119 zeigt: Solche Momente gehören zum Glauben dazu. Und man muss sie nicht verstecken.

Wenn der Glaube schwankt
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Von Oliver Helmers

Manchmal lese ich in meiner Bibel und stolpere über Texte, die ich verwirrend finde. Psalm 119 gehört für mich definitiv dazu. Ich lese ein paar Sätze und denke: Was hat sich der Beter dabei gedacht? 176 Verse und kein Ende in Sicht. Aber es ist nicht nur die Überlänge, auch der Inhalt: Mal klingt es nach Begeisterung, dann wieder nach Verzweiflung.

Die lateinischen Begriffe „Desparatio“ (Verzweiflung) und „Esperatio“ (Hoffnung) liegen eng beieinander – diese Worte eines Theologieprofessors habe ich noch im Hinterkopf. Und ja, so scheint es auch hier zu sein: In einem Moment schwärmt der Beter über seinen Glauben („Glücklich die Menschen, die sich zu Gott halten“) und in der nächsten Sekunde liegt er wieder ganz am Boden („Meine Seele weint vor Kummer“). Ja, was denn jetzt? Stabilität sieht anders aus!

Chaotisch wie das Leben

Kein Wunder, dass manche Ausleger Psalm 119 ein „buntes Mosaik“ genannt haben. Und das war keineswegs immer positiv gemeint. Im Gegensatz zu Psalm 23, der die Hörer auf eine Wanderung mitnimmt, ist Psalm 119 alles andere als wunderbar geordnet und rund. Er wirkt eher zerrissen, sprunghaft und chaotisch. Schaut man allerdings genauer hin, steckt in dieser scheinbaren Unordnung
große Kunst. Denn Psalm 119 ist ein alphabetisches Gedicht. 22 Strophen, jede folgt einem Buchstaben des hebräischen Alphabets, von Aleph bis Taw. Und jede Strophe hat acht Verse, die alle mit demselben Buchstaben beginnen. Das ist kein Zufall, sondern Absicht. Der Beter strukturiert seine Sehnsucht nach
Gott entlang der Buchstaben – von A bis Z, könnte man sagen.

Alles, was er erlebt, alles, was er denkt und fühlt, findet in dieser Ordnung Platz. Mich beeindruckt das. Während ich beim Lesen manchmal ratlos bin („Wie soll man sich da durchkämpfen?“), spüre ich zugleich: Der Beter kämpft ja selbst. Er ringt um Worte, um Glauben und mentale Stabilität. Und er ordnet sein Ringen zwischen die Buchstaben, als hätte er das Bedürfnis, seine Zerrissenheit in eine göttliche Struktur einzubetten …

Wenn ich darauf achte, merke ich, wie vertraut mir diese innere Bewegung ist. Auch mein eigener Glaube ist selten geordnet. An einem Tag bin ich voller Gottvertrauen und am nächsten spüre ich nur Müdigkeit und Distanz. Mal weiß ich genau, warum ich glaube. Dann wieder fühle ich mich leer, und Gott scheint mir weit weg. Vielleicht ist genau das im Psalm aufgeschrieben: dieses Auf und Ab, das Spannungsfeld zwischen Lob und Klage, Zuversicht und Zweifel. Der Beter versucht, seinem Glauben Form zu geben, auch wenn seine Seele schwankt.

Er bringt seine Zerrissenheit sortiert zu Papier – und versucht sich dabei immer wieder an den Halt zu klammern, den er für sich gefunden hat. Psalm 119 ist, wenn man so will, der Psalm eines Mannes, der nicht aufgibt. Er schwankt, das ja. Aber er bleibt eben auch dran. Er hält das Gespräch mit Gott offen. Und gerade das macht ihn mir so sympathisch.

Die Bibel ist keine fertige Antwort

Ich glaube, viele Menschen kennen dieses Schwanken, auch wenn sie selten darüber sprechen. Nach außen stehen wir oft da wie Menschen, die alles im Griff haben – Beruf, Familie, Glauben. Aber innerlich wissen wir: Es gibt diese Tage, an denen wir dringend Halt bräuchten. Tage, an denen Bibelverse fremd klingen und Gebete hölzern wirken.

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Nicht immer ist es einfach zu unterscheiden, ob es sich nur um eine vorübergehende Phase handelt oder ob man sich bewusst auf die Suche nach Hilfe und neuen Wegen machen sollte, um Gottes Nähe (wieder) zu finden. In jedem Fall finde ich es aber tröstlich, dass auch ein Beter aus der Bibel solche Zeiten kennt und seine Unsicherheit nicht verdrängt, sondern in sein Gebet hineinschreibt – Buchstabe für Buchstabe.

Für ihn war Gottes Wort nicht eine fertige Antwort, sondern eine Sehnsucht. „Lehre mich, Herr, den Weg
deiner Gebote.“ Das ist kein stolzes Wissen, sondern ein ehrliches Bitten: Hilf mir, dass ich dich nicht verliere. Je länger ich Psalm 119 lese, desto weniger empfinde ich ihn als chaotisch. Im Gegenteil – er wirkt auf mich zunehmend wie ein Abbild des Lebens selbst. Niemand glaubt von A bis Z in gleichmäßigem Ton. Wir alle schwanken.

Wir brauchen Worte, um dieses Schwanken auszuhalten. Vielleicht ist dieser Psalm genau dafür da: Er erinnert mich daran, dass Glaube kein gerader Weg ist, sondern ein Gespräch, das weitergeht – auch dann, wenn man ins Stammeln kommt. Ein immer wieder neu festhalten und – ich liebe diesen Ausdruck – „Vertrauen fassen“.

An Gott dranbleiben inmitten der Widersprüche

Und vielleicht ist das sogar die tiefste Botschaft dieses scheinbar überlangen, manchmal ermüdenden Psalms: Zwischen Aleph und Taw ist Platz für alles – für Begeisterung, Müdigkeit, Vertrauen, Zweifel und den stillen Wunsch, dass Gott bleibt, auch wenn ich mich selbst verloren habe. Wenn ich so lese, dann klingt Psalm 119 plötzlich ganz menschlich. Gar nicht mehr überzogen, gar nicht mehr „frommer Überschwang“. Sondern wie das Tagebuch eines Menschen, der lernen will, Gott zu lieben – mitten in seinen Widersprüchen. Und ich merke: So will ich auch glauben. Nicht glatt, nicht fehlerlos. Sondern ehrlich.

Oliver Helmers ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Aldingen.



Dieser Artikel ist in dem christlichen Männermagazin MOVO erschienen. MOVO ist eine Zeitschrift des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.


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