Die katholische Kirche ist eine Gemeinschaft, die sowohl in der Zeit verwurzelt als auch für die Zukunft offen ist. Diese Balance zwischen Tradition und Erneuerung zeigt sich besonders deutlich in der jüngsten Entscheidung des vatikanischen Synodensekretariats, eine neue Kommission einzusetzen, die das Gesetzbuch der katholischen Ostkirchen überarbeiten soll.
Diese Initiative ist mehr als nur eine technische Rechtüberarbeitung. Sie ist ein Zeichen dafür, wie der synodale Prozess, der die gesamte Weltkirche in den letzten Jahren bewegt hat, konkrete Früchte trägt und die rechtlichen Strukturen der Kirche prägt.
Die Ostkirchen als lebendige Tradition
Die katholischen Ostkirchen sind ein kostbarer Schatz der Weltkirche. Mit ihren eigenen liturgischen Traditionen, theologischen Akzenten und kanonischen Strukturen bereichern sie die Vielfalt der katholischen Kirche und zeigen, dass Einheit nicht Uniformität bedeuten muss.
Das Gesetzbuch der katholischen Ostkirchen, der 'Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium' (CCEO), ist seit seiner Promulgation 1990 das rechtliche Fundament für über 20 Millionen katholische Christen verschiedener östlicher Traditionen. Dass dieses Werk nun überarbeitet werden soll, zeigt die lebendige Dynamik dieser Kirchengemeinschaften.
Die Ostkirchen sind nicht Museen alter Traditionen, sondern lebendige Gemeinden, die ihren Glauben in neuen Situationen bezeugen und dabei ihre authentische Identität bewahren.
Der synodale Impuls
Dass der synodale Prozess der Hintergrund für diese Revision ist, ist von großer Bedeutung. Die Weltsynode über die Synodalität hat nicht nur über neue Formen der Partizipation in der Kirche nachgedacht, sondern auch konkrete strukturelle Veränderungen angestoßen.
Synodalität bedeutet 'gemeinsam gehen' – ein Verständnis von Kirche, das alle Gläubigen als aktive Teilhaber am kirchlichen Leben sieht. Diese Vision muss sich auch in den rechtlichen Strukturen widerspiegeln, die das Leben der Kirche ordnen und fördern sollen.
Recht als Dienst an der Gemeinschaft
Kirchenrecht ist niemals Selbstzweck, sondern immer Dienst an der Gemeinschaft der Gläubigen. Es soll helfen, das Leben der Kirche zu ordnen, Konflikte zu lösen und die Mission der Kirche zu fördern. Wenn sich die Kirche verändert und entwickelt, muss sich auch ihr Recht anpassen.
Die geplante Überarbeitung des CCEO ist daher nicht nur ein juristisches, sondern auch ein pastorales Projekt. Sie soll sicherstellen, dass die rechtlichen Normen den aktuellen Bedürfnissen und Herausforderungen der ostkirchlichen Gemeinden entsprechen.
Partizipation und Verantwortung
Der synodale Prozess hat die Bedeutung der Partizipation aller Gläubigen am Leben der Kirche hervorgehoben. Dies hat besondere Relevanz für die Ostkirchen, die traditionell stärkere kollegiale und synodale Strukturen haben als die lateinische Kirche.
Die Überarbeitung des Ostkirchen-Codex bietet die Chance, diese synodalen Elemente zu stärken und moderne Formen der Partizipation rechtlich zu verankern. Dabei gilt es, die authentischen Traditionen der Ostkirchen zu respektieren und gleichzeitig neue Wege der Mitverantwortung zu eröffnen.
Wahre Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weiterreichen der Flamme – diese Weisheit gilt besonders für die lebendigen Traditionen der Ostkirchen.
Ökumenische Dimension
Die katholischen Ostkirchen stehen in besonderer Nähe zu den orthodoxen Kirchen, mit denen sie viele Traditionen teilen. Die Überarbeitung ihres Rechts hat daher auch ökumenische Relevanz. Sie kann dazu beitragen, Verständnis und Dialog zwischen den verschiedenen christlichen Traditionen zu fördern.
Gleichzeitig muss dabei die vollständige Katholizität dieser Kirchen gewahrt bleiben. Es geht nicht darum, Unterschiede zu verwischen, sondern darum, authentische Traditionen in der Einheit der katholischen Kirche zu leben und rechtlich zu verankern.
Herausforderungen der Moderne
Die ostkirchlichen Gemeinden stehen vor besonderen Herausforderungen: Verfolgung in manchen Herkunftsländern, Diaspora-Situationen in westlichen Ländern, die Notwendigkeit, ihre Identität in säkularen Umgebungen zu bewahren. Die Überarbeitung des Rechts muss diese Realitäten berücksichtigen.
Besonders wichtig ist dabei die Frage, wie traditionelle Strukturen in modernen, pluralistischen Gesellschaften funktionieren können. Wie können ostkirchliche Gemeinden ihre Eigenständigkeit bewahren und gleichzeitig in der größeren katholischen Gemeinschaft integriert bleiben?
Der Geist der Erneuerung
Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Grundsatz aufgestellt, dass Erneuerung in der Kirche immer 'Rückkehr zu den Quellen' bedeutet – ad fontes. Für die Ostkirchen bedeutet das, ihre authentischen Traditionen zu rediscover und zu stärken, nicht sie zu verwässern oder zu latinisieren.
Die neue Kommission steht vor der Aufgabe, diesen Geist der Erneuerung in konkretes Recht zu übersetzen. Sie muss einen Weg finden zwischen der Treue zur Überlieferung und der Offenheit für notwendige Reformen.
Ein Modell für die Weltkirche
Der Prozess der Rechtsrevision in den Ostkirchen könnte auch für die gesamte Weltkirche von Bedeutung sein. Er zeigt, wie synodale Erkenntnisse in konkrete strukturelle Veränderungen umgesetzt werden können. Er demonstriert, dass die Kirche lernfähig ist und ihre Strukturen den pastoralen Bedürfnissen anpassen kann.
Dies ist besonders wichtig in einer Zeit, in der viele Gläubige mehr Partizipation und Transparenz in der Kirche fordern. Die Ostkirchen, mit ihren traditionell stärkeren synodalen Elementen, können der Gesamtkirche wertvolle Impulse geben.
Hoffnung und Erwartung
Die Einsetzung der neuen Kommission weckt Hoffnungen und Erwartungen in den ostkirchlichen Gemeinden weltweit. Sie sehen darin ein Zeichen, dass ihre spezifischen Bedürfnisse und Traditionen ernstgenommen werden. Gleichzeitig wächst die Erwartung, dass die Überarbeitung tatsächlich zu praktischen Verbesserungen führt.
Diese Hoffnungen sind berechtigt, aber sie erfordern auch Geduld. Rechtsreformen sind komplexe Prozesse, die Zeit und sorgfältige Arbeit erfordern. Das Ergebnis wird zeigen, ob die Kirche tatsächlich in der Lage ist, ihre synodalen Erkenntnisse in dauerhafte strukturelle Veränderungen umzusetzen.
Die Arbeit der neuen Kommission ist ein Zeichen dafür, dass der synodale Prozess nicht nur Theorie bleibt, sondern konkrete Früchte trägt. Sie zeigt, dass die Kirche bereit ist, ihre Strukturen zu überdenken und anzupassen, um besser ihrer Mission dienen zu können. Das ist eine hoffnungsvolle Botschaft für alle, die sich eine erneuerte und lebendige Kirche wünschen.
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