Kommt der Freiheits-Kongress bei der aktuellen Debatte um die Epstein-Akten zur rechten Zeit?
Kuno Kallnbach: Der Kongress kommt immer zur richtigen Zeit, weil das Thema seit vielen Jahren drängt. Durch die Debatte um Epstein (Anm. d. Red.: Der amerikanische Investmentbanker und Sexualstraftäter soll unter anderem einen Ring zur sexuellen Ausbeutung Minderjähriger unterhalten haben) hat es noch mal an Aktualität gewonnen. Sie zeigt, wie relevant das Thema käufliche Sexualität oder auch Brutalität im Umgang mit Sexualität ist.
Was sagt die Debatte über unsere Gesellschaft aus?
Viele möchten wissen, warum all die geschwärzten Stellen zugelassen werden. Ich frage mich, warum Deutschland oder Europa diese Dinge nicht viel mehr juristisch in den Blick nehmen. Dadurch, dass das nicht passiert, kommt es zu Spekulationen und Verschwörungstheorien. Daran will ich mich nicht beteiligen. Aber es zeigt die vorhandene Doppelmoral. Einerseits sorgen sich die Menschen um die schlimmen Dinge, die Epstein und seine Komplizen zu verantworten haben. Auf der anderen Seite trauen sich Juristen nicht, Dingen auf den Grund zu gehen, weil sich dahinter noch mehr Machenschaften und Menschen verbergen, die ungern ans Tageslicht kommen wollen.
Wo besteht aus Ihrer Sicht bei den drängenden Problemen der dringendste Handlungsbedarf?
In erster Linie muss die Politik dazu kommen, sich ernsthaft mit dem „Nordischen Modell“ zu befassen. Ich erhoffe mir eine ernsthafte gesellschaftliche Debatte, indem nicht nur einzelne Politiker oder die Bundestagspräsidentin das Thema anschneiden. Und natürlich hoffe ich auf eine gesetzliche Änderung. Leider ist nach Ausscheiden von Frank Heinrich (CDU) und Leni Breymaier (SPD) die entsprechende Arbeitsgruppe des Bundestags nicht mehr aktiv. Es muss zweitens ein Umdenken stattfinden, dass Sexualität eben nicht etwas Käufliches ist, sondern, dass es dafür das Ja der Beteiligten braucht. Darüber hinaus brauchen wir drittens Hilfs- und Begleitorganisationen, die alle Menschen in diesem Bereich stärken. Sie brauchen Hilfe und eine neue Perspektive, um diesen Teufelskreis zu verlassen und wieder in eine neue Normalität zu kommen.
Wo soll der inhaltliche Schwerpunkt des Kongresses liegen?
Wir haben drei Zielrichtungen. In den ersten beiden Tagen geht es um die politische und gesellschaftliche Debatte. Dann geht es um das Thema Pornografie, was ja häufig ein Vorläufer der Prostitution ist. In der Porno-Industrie werden immer intensiver Brutalitäten praktiziert, die dann auch in der Praxis des sexuellen Lebens eingefordert werden. Gegen Ende des Kongresses fragen wir, wie die betroffenen Frauen diese schlimmen psychischen Herausforderungen verlassen können, um nicht mehr ihren Körper zu verkaufen. Hier geht es ganz viel um Heilung.
Gibt es Ansätze, die sich bewährt haben, und die Sie auf dem Kongress teilen können?
Ein wichtiger Ort sind Schutzhäuser, in die Frauen mit ihren Kindern zum Teil gehen, um das Milieu zu verlassen. Es braucht Beratungsangebote, die einen Ausstieg ermöglichen. Unabdingbar sind aber auch seelsorgerische und therapeutische Maßnahmen, weil die Betroffenen oft schwer psychisch gestört sind. Weil das langwierige Heilungsprozesse sind, spielen natürlich auch das Gebet und der christliche Glaube eine Rolle. Solche Erfahrungen sind aber nicht mit einem schnellen Gebet vom Tisch, sondern braucht eine gründliche therapeutische Begleitung.
Der Pornografie-Konsum steigt immer noch. Gibt es Stellschrauben, dem entgegenzuwirken?
Die Gesellschaft ist hier ambivalent. Einerseits wird ein sehr freier Umgang mit Sexualität gefordert. Dabei werden aber Grenzen oft nicht eingehalten. Brutalität in der Pornografie sollte verboten werden. Aktuell ringt die Politik ja um ein Zugangsalter zu den sozialen Medien. Natürlich kann man Pornografie nicht allen Menschen verbieten. Aber wir müssten sie dafür sensibilisieren, wie ein dauernder, exzessiver Porno-Konsum unsere realen Beziehungen beeinflusst. Dafür braucht es ehrliche Debatten, die an der Wirklichkeit sexueller Beziehungen in Ehe- und Partnerschaften nicht vorbeigehen. Gerade bei jungen Menschen nehme ich wahr, dass sie vermehrt sexuelle oder erotische Akte aufnehmen und ins Netz stellen, um sich damit zu präsentieren. Das haben wir zu wenig auf dem Schirm.
Geht die Debatte um das Verbot von Social Media für bestimmte Altersgruppen in die richtige Richtung?
Ich finde die Debatte wichtig. Allerdings glaube ich, dass wir sehr genau prüfen müssen, dass die Ideen auch technisch umsetzbar sind. Auch im familiären Bereich braucht es ein Kontrollsystem. Darüber müssen wir noch präziser sprechen.
Welchen Beitrag können christliche Gemeinden und Kirchen beim Kampf gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution leisten?
Auf dem Kongress bieten wir Seminare an, wie Gemeinden eine Ortsgruppe bilden können, die sich dem Thema öffnet und vielleicht selbst ins Rotlicht-Milieu gehen will, um Menschen zu begegnen. Ich glaube, es ist wichtig, die dahinter liegende ethische Frage nach der Sexualethik und dem ehrlichen Umgang mit diesem Lebensthema in der Verkündigung zu besprechen. Nicht nur evangelikale oder pietistisch Gemeinden, sondern auch die Landes- und Freikirchen sind zurückhaltend und reden nicht gerne offen über das Thema Sexualität. Sie haben Angst davor, zu gesetzlich zu sein, oder sind unsicher, wie das Thema sinnvoll und erfüllend gelebt werden kann.
Das heißt, Sie möchten den Gemeinden die Angst nehmen?
Ja, es geht darum, Sexualität und Menschenhandel zu enttabuisieren. Wo sich kleine Gruppen bilden, die den Menschen in der Prostitution helfen, möchten wir sie unterstützen und ihnen kluge Strategien an die Hand geben. Die Gemeinden wagen sich ja in ein Milieu, in dem Christen eher weniger präsent sind. Deshalb brauchen Gemeinden auch ein Verständnis dafür, dass hier ein Auftrag für sie vorliegen könnte. Falls das so ist, sollte er das offen mit der Gemeindeleitung besprechen, damit sie den Prozess klug moderieren kann.
Gibt es Gemeinden, in denen dies gelingt?
In Heidenheim gibt es zum Beispiel die Brückengemeinde, die regelmäßig mit einer Gruppe im Rotlicht-Milieu unterwegs ist. Sie wird sowohl von der Gemeindeleitung als auch von den Mitgliedern gesehen, begleitet und unterstützt. Und es gibt natürlich größere Organisationen wie „Mission Freedom“, die mit Schutzhäusern und Beratungsstellen arbeitet.
Vielen Dank für das Gespräch.
Der Kongress „Freiheit“ ist nach 2022 und 2024 der dritten Kongress, der sich mit dem Thema Menschenhandel und Zwangsprostitution beschäftigt. Er findet im Christlichen Gästezentrum Schönblick in Schwäbisch Gmünd statt. 50 Referenten geben Einblick in ihre Arbeit. Bis Ende Februar gibt es noch einen Frühbucher-Rabatt. Hinter dem Kongress steht ein sechsköpfiges Planungsteam, zu dem auch Kuno Kallnbach gehört.
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