Der renommierte Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide schlägt Alarm: Ein möglicher Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt könnte zu verstärkter Ausgrenzung von Muslimen führen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland gefährden. Seine Warnung wirft wichtige Fragen über Integration, Toleranz und das Zusammenleben verschiedener Religionsgemeinschaften auf.
Die Gefahr der Spaltung
"Ein Reich, das in sich gespalten ist, kann nicht bestehen" (Markus 3,25). Diese Worte Jesu gewinnen besondere Relevanz angesichts der wachsenden gesellschaftlichen Polarisierung in Deutschland. Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik, sieht in populistischen Bewegungen eine Bedrohung für das friedliche Miteinander der Religionsgemeinschaften.
Die AfD hat in den vergangenen Jahren wiederholt muslimische Gemeinschaften ins Visier genommen und dabei oft Ängste und Vorurteile geschürt. Experten befürchten, dass ein Wahlerfolg dieser Partei zu konkreten politischen Maßnahmen führen könnte, die Muslime marginalisieren und ihre gesellschaftliche Teilhabe erschweren.
Integration als gemeinsame Aufgabe
Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte bei der Integration von Muslimen gemacht. Millionen von muslimischen Bürgern sind heute selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft – als Ärzte, Lehrer, Unternehmer und Künstler. Diese Erfolgsgeschichten drohen überschattet zu werden durch populistische Rhetorik und pauschale Verurteilungen.
"Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (Galater 6,2). Dieser apostolische Aufruf zur Solidarität gilt nicht nur innerhalb christlicher Gemeinden, sondern für die gesamte Gesellschaft. Integration ist keine Einbahnstraße, sondern erfordert Anstrengungen von allen Seiten.
Religiöse Vielfalt als Bereicherung
Khorchide betont immer wieder, dass religiöse Vielfalt eine Bereicherung für die Gesellschaft darstellt. Der Dialog zwischen Christentum und Islam hat in Deutschland eine lange Tradition und wichtige Früchte getragen. Gemeinsame Projekte, interreligiöse Gebete und theologische Gespräche haben Brücken des Verständnisses gebaut.
Diese Tradition des Dialogs wurzelt in dem Verständnis, dass alle monotheistischen Religionen gemeinsame Werte teilen: die Würde des Menschen, soziale Gerechtigkeit und die Sorge für die Schwächsten der Gesellschaft. Wie Abraham, den Christen und Muslime gleichermaßen als Vater des Glaubens verehren, können verschiedene Glaubensgemeinschaften Seite an Seite leben.
Die Rolle der Politik
Politische Führung trägt besondere Verantwortung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wenn Politiker Hass schüren oder bestimmte Gruppen als Sündenböcke darstellen, untergraben sie die Grundlagen einer pluralistischen Gesellschaft. Khorchides Warnung richtet sich nicht nur an Politiker, sondern an alle Bürger, die Verantwortung für das Gemeinwesen tragen.
Geschichte lehrt uns, wohin die Ausgrenzung religiöser Minderheiten führen kann. Deutschland hat aus seiner Vergangenheit gelernt und sich zu einer offenen, toleranten Gesellschaft entwickelt. Dieser Fortschritt darf nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.
Bildung als Gegenmittel
Khorchide sieht in Bildung den Schlüssel zur Überwindung von Vorurteilen und Ängsten. Aufklärung über den Islam, seine Vielfalt und seine Beiträge zur deutschen Gesellschaft kann helfen, Missverständnisse abzubauen. Gleichzeitig müssen muslimische Gemeinden offen für Kritik und Dialog bleiben.
Schulen spielen eine zentrale Rolle bei der Förderung interkultureller Kompetenz. Wenn Kinder verschiedener Religionen gemeinsam lernen und spielen, entstehen natürliche Verbindungen, die später politische Manipulation erschweren. "Lasset die Kinder zu mir kommen" (Matthäus 19,14) – diese Offenheit Jesu für alle kann als Vorbild dienen.
Die Stimme der Vernunft
In einer Zeit zunehmender Polarisierung sind Stimmen wie die von Khorchide besonders wertvoll. Als Muslim, der sich für Dialog und Verständigung einsetzt, verkörpert er die Möglichkeit friedlichen Zusammenlebens. Seine wissenschaftliche Arbeit zeigt, dass Islam und demokratische Werte vereinbar sind.
Christen haben eine besondere Verantwortung, gegen Ausgrenzung und für Gerechtigkeit einzutreten. Die Bergpredigt ruft zur Nächstenliebe auf, die keine religiösen Grenzen kennt. "Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen" (Matthäus 5,44) – wie viel mehr sollten wir dann unsere muslimischen Nachbarn lieben.
Ein Appell an die Vernunft
Khorchides Warnung ist ein Appell an alle demokratischen Kräfte in Deutschland, sich gegen Spaltung und für Zusammenhalt einzusetzen. Die Herausforderungen unserer Zeit – Klimawandel, soziale Ungleichheit, technologischer Wandel – können nur gemeinsam bewältigt werden.
Deutschland hat die Chance, Vorbild für gelungene Integration und religiöse Toleranz zu sein. Diese Chance sollte nicht durch populistische Politik verspielt werden. Die Zukunft gehört Gesellschaften, die Vielfalt als Stärke begreifen, nicht als Bedrohung.
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